MedienbeitragAckergifte

Störenfriede im Hormonhaushalt

Eine große Anzahl Umweltchemikalien beeinträchtigt das Gleichgewicht der Hormone in Organismen – nicht zuletzt auch bei Menschen. Forscher versuchen, die molekularen Wirkmechanismen solcher Fremd- oder Xenohormone zu verstehen, um medizinische und ökologische Schäden einzudämmen.

Quelle

Spektrum der Wissenschaft

http://www.spektrum.de/news/stoerenfriede-im-hormonhaushalt/1120784

Autoren

Marie Tohmé, Jean Pierre Cravedi und Vincent Laudet

Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH, D-69126 Heidelberg

Seit rund fünfzig Jahren beobachten Forscher gravierende Anomalien der Geschlechtsorgane bei verschiedensten Tierarten. Die Ursachen dafür sind vielfältig. Bei einem der spektakulärsten Fälle in den 1990er Jahren war der Auslöser chlorhaltige Insektizide, die nach einem Chemieunfall das Wasser in einem See in Florida verunreinigte. Eine auffällig hohe Anzahl von Alligatoren trugen Fehlbildungen davon. Die Sedimente enthielten DDE (Dichlordiphenyldichlorethylen), ein Abbauprodukt von DDT (Dichlordiphenyltrichlorethan). DDE gilt unter Fachleuten als "endokriner Disruptor", als Störenfried im Hormonsystem. So werden heute eine Vielzahl unterschiedlicher Moleküle in der Umwelt bezeichnet, die vom Körper aufgenommen werden und sich dort ähnlich wie Hormone verhalten. Zum Teil imitieren sie Hormone, teils konkurrieren sie mit ihnen, wie etwa durch das Blockieren deren Zielmoleküle (Rezeptoren). Wissenschaftler versuchen herauszufinden, wie sich diese Substanzen im Körper verhalten und ihm schaden. Letztlich sind solche "Xenohormone" heute quasi allgegenwärtig und auch Menschen ihnen ausgeliefert. Daher interessieren sich mittlerweile nicht nur Biologen und Mediziner, Umweltexperten und Gesundheitswissenschaftler dafür, sondern auch zunehmend die Gesundheitsbehörden der industrialisierten Länder.

Für Miss- und Fehlbildungen bei Tieren, die Umwelthormonen ausgesetzt waren, gibt es sehr viele gut dokumentierte Beispiele. Eine weitere Quelle für einen mittlerweile verbotenen toxischen Wirkstoff, das Antifoulingmittel TBT (Tributylzinnhydrid), ließ sich als Zinnverbindung in Schiffsanstrichen wiederfinden, das verhindern sollte, dass sich Tiere oder Algen an Schiffsrümpfen festsetzen. Gleichsam verursachte das Mittel hormonelle Fehlbildungen bei Weichtieren, wie etwa Verzwitterungen bei den im Meer lebenden Wellhornschnecken.

In den 1960er Jahren fiel eine erschreckend niedrige Populationsrate sowie vermehrte Fehlbildungen bei Greifvögeln und auch räuberischen Säugern auf, wie etwa Eisbären oder Robben. Diese Tiere stehen an der Spitze der Nahrungskette und hatten dadurch offenbar zu viele Chemikalien im Körper angereichert, die ihren Hormonhaushalt aus dem Gleichgewicht brachten.

Als endokrine Disruptoren gelten nicht nur verschiedene Pestizide aus der Landwirtschaft und deren Abbauprodukte, die in nennenswerten Mengen im Boden oder Wasser verbleiben. Auch mit dem Urin ausgeschiedene Medikamente gelangen in die Umwelt und können dort Schaden anrichten. In letzter Zeit erregten zudem Weichmacher in Kunststoffen, wie Bisphenol A und die Phtalate, Aufmerksamkeit. Auch Konservierungsmittel aus Kosmetikprodukten wie Parabene oder die früher in zahlreichen Industrieprodukten enthaltenen polychlorierten Biphenyle (PCBs), die seit zehn Jahren weltweit verboten sind, aber noch in den Gewässern und im Boden vorkommen, wirken sich entsprechen schädlich auf die Gesundheit aus. Auch die als Flammschutzmittel etwa in diversen Kunststoffen verwendeten polybromierten Diphenylether (PBDE) sowie die hochgiftigen Dioxine und die polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffe aus Verbrennungsprozessen sind in diesem zusammenhang zu nennen.

All diese Stoffe verbleiben nach ihrer Freisetzung oft noch jahrzehntelang in der Umwelt. Von Tieren oder Menschen aufgenommen, verändern oder modulieren sie auf komplexe Weise die Bildung, Wirkung, den Transport und Abbau von Hormonen in deren Organismus.

Neben dem Aufzeigen ursächlicher Quellen von Xenohormonen veranschaulicht der Artikel die verschiedenen und sehr komplexen Verhaltensmöglichkeiten von endokrinen Disruptoren bei unterschiedlichen Lebewesen, einschließlich dem Menschen. Am Menschen eine Kausalbeziehung zwischen einer einzelnen Umweltchemikalie und einer Schädigung zu erkennen, ist jedoch sehr schwer, denn man muss dazu die individuelle Lebensführung genauso mit einbeziehen wie etwa genetische Hintergründe oder allgemein Kontakte zu bestimmten Stoffen. Der Schaden, der endokrine Disruptoren an vielen Tierarten verursacht, gilt heute als wissenschaftlich gesichert. Doch Laborergebnisse an Tieren sind nicht einfach auf den Menschen übertragbar. Die Gefahr für den Menschen wird daher bislang kontrovers diskutiert. Vielfach fehlt es an "zwingenden" wissenschaftlichen Belegen. Jedoch gibt es überzeugende Beispiele für gravierende Hormonfunktionsstörungen durch Umweltchemikalien – und zwar bei beruflicher Exposition. So wurden in den Jahren von 1970 bis 1990 auf den Bananenplantagen von Costa Rica und Nicaragua über 11 000 Arbeiter durch das Antiwurmgift Dibromchlorphenol unfruchtbar, weil es die Qualität und Anzahl der Spermien verringerte. Mittelamerikanische Bananenproduzenten setzten auch das heute verbotene Insektizid Chlordecon ein, das östrogenartig wirkt. Damit vergiftete Arbeiter bildeten weniger und schlechter bewegliche Spermien.