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Europas Gewässer erheblich mit Chemie belastet

In vielen europäischen Flüssen schwimmen so viele Chemikalien, dass Fische, Insekten und Algen auf Dauer in Gefahr sind. Die EU dürfte ihre Ziel verfehlen, die Wasserqualität bis 2015 zu verbessern.

Quelle

Süddeutsche.de

http://www.sueddeutsche.de/wissen/umweltmonitoring-europas-gewaesser-erheblich-mit-chemie-belastet-1.2002205

Autoren

Andrea Hoferichter

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Fast jedes zweite europäische Gewässer ist durch Chemikalieneinträge mittel- bis langfristig bedroht. In mehr als jedem sechsten gefährden Pestizide, Brandschutzmittel und andere Schadstoffe Wasserorganismen ganz akut. Besonders davon betroffen, da sehr empfindlich, sind die Wirbellosen wie Insekten, Krebse oder Schnecken, berichten Forscher aus Deutschland, Frankreich und der Schweiz im Wissenschaftsmagazin Proceedings of the National Academy of Sciences.

Der Studie zufolge sind die ökologischen Risiken durch Chemikalien weitaus höher als bisher angenommen. Dies widerlegt die gängige Meinung von Umweltbehörden und einigen Fachkollegen, die davon sprechen, dass abgesehen von einigen ökotoxikologischen Problemzonen, die Gewässer insgesamt nur wenig belastet seien.

Bei den Untersuchungen fanden die Forscher 35 ökologisch besonders bedenkliche Chemikalien in Konzentrationen, die für Fischarten, Algen und wirbellose Tier belastende bis sogar tödliche Auswirkungen aufzeigen. In Nordfrankreich, Nordengland und dem Baltikum wiesen über 75 Prozent der Messstellen im Mittel Konzentrationen von Substanzen auf, die dauerhaft dem Leben im Wasser schaden.

Neben Flammschutzmittel und organischen Zinnverbindungen, die noch als Schutzschicht auf Schiffsrümpfen aufgetragen werden, sind Pestizide die am weitaus häufigsten vertretenen akut gefährlichen Chemikalien, die in den Gewässern nachweislich gefunden wurden. Momentan liegt der Fokus der EU-Maßnahmen zum Gewässerschutz darauf, Nährstoffeinträge zu senken und Flüsse zu renaturieren. Doch diese zum Teil millionenschweren Projekte führen nicht zum Erfolg, wenn bspw. der neu angelegte Flusslauf entlang landwirtschaftlich stark genutzter Flächen verläuft und dadurch von Pestiziden belastet wird. Selbst das Umweltbundesamt räumt ein, dass die Risiken durch Pestizide schon seit Jahren unterschätzt und vor allem in kleinen Gewässern zu wenig überprüft werden.

Unberücksichtigt bleibt bei der Ermittlung der Risikowerte bspw. die gegenseitig verstärkende Wirkung von Substanzen wie auch das Entstehen von noch giftigeren Abbaustoffen. Zudem seien die Messkriterien der Länder unterschiedlich in ihrer Qualität und Durchführung. Zugleich schreibt die EU nur für rund 40 sogenannte prioritäre Substanzen, die als besonders gefährlich für ganz Europa gelten, ein einheitliches, monatliches Monitoring vor. Viele dieser Substanzen sind heute zum Glück nicht mehr zugelassen, dennoch in Gewässerproben auffindbar, wenn auch in zurückgehenden Konzentrationen. Zahlreiche der aktuell verwendeten, bedenklichen Chemikalien werden jedoch nur sporadisch oder gar nicht erfasst. Die Länder entscheiden im Wesentlichen nach Gutdünken, welche Chemikalien sie wann und wo detektieren.

Der freie Zugang zu den Rohdaten der Messungen bleibt den Forschern verwehrt. Sie erfahren lediglich Mittel- und Maximalwerte, die auch nichts darüber aussagen, wann bspw. die Stoffe in die Gewässer gelangt sind. Auf dieser Datenlage ist es auch nicht möglich zu ergründen, welche Stoffe für welche Arten bedrohlich werden können.

Zudem darf jedes EU-Mitgliedsland für manchen Chemikalien eigene Grenzwerte festlegen, obwohl Flüsse keine Grenzen kennen. Bei Überschreitungen heißt es dann lediglich, dass Gegenmaßnahmen ergriffen werden müssen. Aufgrund dieser Haltung wurde bereits für das erklärte Ziel, alle Gewässer bis 2015 auf einen guten ökologischen Zustand zu bringen, Ausnahmeregelungen bis 2027 erteilt. Es würde nicht wundern, wenn die Fristen in den 2020ern noch einmal verlängert werden.