FalldokumentationAckergifte

Dossier mit Betroffenenberichten aus der Uckermark, Bayern, Niedersachsen, Westfalen und Mecklenburg-Vorpommern

Gegen Pestizide. Eine Initative von Sibylla Keitel.

Sibylla Keitel lebt in der Uckermark und hat dort eine Initiative gegen Ackergifte gestartet. In Ihrem Dossier versammelt sie Berichte und Zusendungen von Betroffen sowie Presseinformationen und Literaturhinweise.

Autoren

Sibylla Keitel, sybilla.keitel@berlin.de

Die Berichte häufen sich. Sie kommen aus allen Teilen der Bundesrepublik: vor unseren Haustüren sterben die Bienen, aber auch die Insekten, Schmetterlinge, Frösche, Vögel und Kleinsäuger in einem nicht geahnten Tempo. Aber auch Hoftiere wie Ziegen, Schweine und Rinder verenden durch unterschiedlichste Pestizid- Kontaminationen. Mittlerweile erkranken auch Menschen. Längst ist es kein Geheimnis mehr: die Intensivierung der Landwirtschaft erfolgt auf Kosten der Natur. Jährlich ca. 45 000 t Pestizide werden auf deutschen Äckern ausgebracht. Kein Boden kann diese regelmäßige Vergiftung noch abbauen, denn wir haben aus diesem lebendigen Organismus einen reinen Substratträger für agrochemikalische Massenproduktion gemacht. Das Gleiche gilt für Luft und Wasser, die schon überall mit PSM kontaminiert sind.

Pestizide befinden sich daher längst in unserem Stoffwechsel. Das sei nicht weiter schlimm, sagen die Experten des Ernährungs- und Landwirtschaftsausschusses im Bundestag, würden sie doch wieder ausgeschieden. Das allerdings gälte dann ebenso für Arsen oder andere Toxine. Auch ohne Ablagerung entfalten sie erstmal ihre Wirkung, und natürlich kommt es wie immer auf die Dosis an. Die Menschen sind seit einigen Jahrzehnten einer dauerhaften und zunehmenden Exposition von Pestiziden in ihrer Umwelt ausgesetzt, deren Folgen jetzt immer mehr sichtbar werden: Erkrankungen der Haut und der Atemwege, des Magen-Darmtrakts und des Nervensystems. Als Langzeitschäden entstehen zum Beispiel Erbkrankheiten, Fruchtbarkeitsstörungen, Parkinson, Krebs. Neueste amerikanische Studien belegen darüber hinaus die sogenannte Volatilisierung von Pestiziden mit der Folge eines chemoaktiven Fallouts in Luft und Regen, dem weltweit alle Menschen schutzlos ausgesetzt sind. Das alles sollte Politiker und Behörden in höchstem Maße alarmieren. Indessen ignoriert man in Deutschland internationale Studien, diskreditiert sie reflexhaft als nicht belastbar oder, was mein Verdacht ist: man liest sie gar nicht. Nichtöffentliche Industriestudien akzeptiert man dagegen bereitwillig und unter Billigung ihres Etiketts »kommerziell vertraulich« weitgehend ungeprüft, was sie vor transparenten Gegenproben schützt.

Auf diese Weise wird seit Jahren das in Deutschland gesetzlich verankerte Vorsorgeprinzip missachtet, dessen Anwendung nach § 13 des PflSchG zwingend vorgegeben ist für den Fall, dass Schädigungen für Mensch, Tier und Umwelt zwar nicht mit letzter Evidenz nachgewiesen, aber auch nicht auszuschließen sind. Beim Töten von potenziell infizierten Tieren ist man allerdings sehr viel skrupelloser. Identifiziert man beispielsweise das HN-1-Virus an einer Mastente, keult man „vorsorglich« ganze Bestände von möglicherweise kerngesunden Tieren. Der Mäster enthält selbstverständliche Ausgleichszahlungen aus dem Subventionstopf. Das millionenfache Bienen-, Amphibien- oder Vogelsterben aber hat keine Lobby. Hier leistet man sich, abzuwiegeln, so lange man damit durchkommt, und faselt ohne sich zu schämen etwas von »regulatorisch akzeptablen Konzentrationen«, sogenannten RAK-Werten, nach denen bemessen ist, welche durch PSM verursachte Giftdosis den verschiedenen Tierarten maximal zumutbar ist.

Die traurige Bilanz: in den letzten 50 Jahren sind von 306 heimischen Ackerwildkräutern 67 verschwunden. Das ist nicht wenig, wenn man weiß, dass eines allein Nahrungsquelle für 7 verschiedene Insektenarten ist. Wie beängstigend ihre Zahl geschrumpft ist, kann man beispielsweise daran sehen, dass man heute nach einer langen Autobahnfahrt anders als früher noch ziemlich saubere Frontscheiben hat. Kein Wunder, dass von den 20 typischen, bei uns heimischen Feldvögeln inzwischen 15 Spezies vom Aussterben bedroht sind. Menschen, die zum Beispiel durch Abdrift von Pestiziden krank werden und sich an Ärzte oder Hospitäler wenden, berichten davon, dass man sie entweder gleich auslacht oder abspeist mit der Auskunft, man habe für den Nachweis von PSM kein Labor. Oder sie werden von hilflosen Ärzten nach Hause geschickt mit der Empfehlung, die Koffer zu packen, um sich vor Abdrift des Giftes wenigstens temporär in Sicherheit zu bringen.

Dessen ungeachtet empfehlen die »Experten des Ernährungs- und Landwirtschaftsausschusses im Bundestag« in ihrem Dokument Nr. 351 vom 2. Juli 2014 eine weitere Anwendung von Glyphosat. Sie handeln dabei scheinbar unbeirrt von öffentlichen Alarmrufen in Wissenschaft und Medien, vor allem aber in einer erschreckenden Ungerührtheit, was den Umgang mit unserer Natur und ihren Geschöpfen betrifft. »Ja habt ihr denn den Verstand verloren“, möchte man ihnen zurufen, »oder bezahlt euch jemand dafür, dass ihr ihn offenbar kollektiv an den Nagel gehängt habt?«

Dieser unsäglichen Empfehlung unserer Entscheidungsträger stelle ich die folgenden Aussagen bewusst entgegen. Sie kommen aus der ganzen Republik, und egal, ob sie aus Brandenburg, Bayern oder Rheinland-Pfalz stammen: die Menschen erzählen etwas anderes als die Hochglanzbroschüren und Werbefilme der PSMHersteller behaupten: dass ihre Produkte ein Segen seien. Vielmehr belegen sie, wie auch die wachsende Zahl der Studien aus aller Welt: Tiere werden ausgerottet, Natur und Mensch werden vergiftet.

GEGEN PESTIZIDE final mit Namen